Ich war schon immer frei

Ich war die, die einfach gemacht hat.
Die nicht lange gefragt hat, ob etwas geht, ob sie etwas darf oder was andere darüber denken könnten. Ich hatte meinen eigenen Kopf, meine eigenen Vorstellungen und eine unglaubliche Selbstverständlichkeit darin, dass mir das Leben offensteht.
Mir ist alles gelungen. Ich habe bekommen, was ich wollte, bin meinen eigenen Weg gegangen und habe das Leben genossen. Ich habe viel gelacht. Freiheit war für mich nichts, wonach ich gesucht habe. Sie war einfach da.
Irgendwann hat sich das verändert.
Nicht von heute auf morgen. Die Trennung meiner Eltern war ein großer Einschnitt. Und danach habe ich mich Schritt für Schritt von dieser Selbstverständlichkeit entfernt.
Als ich ungefähr 20 war, sagte eine Freundin zu mir, dass ich kaum noch lachen würde. Jedenfalls längst nicht mehr so wie früher.
Dieser Satz erzählt heute für mich unglaublich viel.
Denn nach außen war ich weiterhin die, der vieles gelang. Ich habe meinen Weg gemacht, studiert, gearbeitet, Verantwortung übernommen. Ich konnte viel, habe viel geschafft.
Aber irgendwo auf diesem Weg hatte ich begonnen, mich selbst zu verlieren.
Ich konnte alles. Aber war das wirklich mein Leben?
Ich habe Wirtschaftsmathematik studiert, in verschiedenen Berufen gearbeitet, später Mathematik unterrichtet. Ich habe eine Familie gegründet, drei wunderbare Jungs bekommen und immer wieder Neues begonnen.
Ich war die, die Dinge hinbekommen hat. Die Lösungen gefunden hat, Verantwortung übernommen und ihren Weg gemacht hat.
Und vieles davon habe ich gern gemacht. Ich liebe Mathematik, ich liebe es, Zusammenhänge zu verstehen, Dinge zu hinterfragen und Neues zu lernen.
Trotzdem war da diese Leere.
Ich hatte ein Leben aufgebaut, das von außen betrachtet wunderbar aussah. Und gleichzeitig fragte ich mich immer häufiger, wofür ich eigentlich hier bin.
Ich wollte schon als Kind die Welt verändern. Ich wollte etwas bewegen, etwas Sinnvolles tun. Und irgendwann saß ich in einem Leben, in dem ich zwar vieles erreicht hatte, aber kaum noch spürte, was ich selbst wirklich wollte.
Ich begann zu suchen. Nach Sinn, nach Freiheit, nach mir selbst.
Und irgendwann war klar: Ich wollte nicht einfach so weitermachen.

Und dann sind wir los gegangen.
2022 haben wir Deutschland verlassen. Mit drei Kindern und dem Wunsch, unser Leben anders zu leben.
Ich wollte raus aus den Strukturen, aus den Erwartungen, aus einem Alltag, der sich für mich immer weniger richtig angefühlt hat. Ich wollte Freiheit. Die Welt entdecken. Neue Menschen kennenlernen, andere Kulturen erleben und meinen Kindern zeigen, dass es unendlich viele Möglichkeiten gibt, sein Leben zu gestalten.
Und wir haben gelebt.
Wir waren in Portugal, Spanien, Ägypten und Mexiko. Haben am Meer gewohnt, Neues ausprobiert, Menschen kennengelernt und Erfahrungen gemacht, die ich niemals missen möchte.
Es war eine unglaublich intensive Zeit. Voller Leben, Abenteuer, Herausforderungen und Entscheidungen.
Und gleichzeitig ging meine Suche weiter.
Ich hatte so vieles im Außen verändert. Wir waren frei zu reisen, frei zu entscheiden, wo wir leben und wie wir unsere Tage gestalten.
Doch ich merkte immer deutlicher, dass ich mich auf der Suche nach mir selbst teilweise noch weiter von mir entfernt hatte.
Ich hatte die äußeren Grenzen hinter mir gelassen. Aber die inneren waren mitgereist.
2026 - das Jahr als im Außen alles ins Wanken geriet

2026 hat sich mein Leben erneut grundlegend verändert.
Meine Ehe ging zu Ende. Nach dreieinhalb Jahren im Ausland kehrte ich mit meinen Kindern nach Deutschland zurück. Vieles, was bis dahin mein Leben ausgemacht hatte, war plötzlich nicht mehr da.
Auch finanziell war diese Zeit alles andere als leicht. Es gab Momente, in denen ich nicht wusste, wie ich die nächsten Rechnungen bezahlen sollte. Wie es weitergehen würde.
Und mitten in all dem geschah etwas, das ich so lange gesucht hatte.
Ich erinnere mich an einen Tag am Strand in Portugal. Im Außen war nichts gelöst. Die offenen Rechnungen waren noch da, die Unsicherheit auch. Und trotzdem spürte ich plötzlich diesen tiefen Boden in mir.
Ich musste nirgendwo mehr hin. Niemand anderes werden. Nichts im Außen musste sich erst verändern, damit ich bei mir sein konnte.
Ich war da.
Zum ersten Mal verstand ich nicht nur mit meinem Kopf, sondern fühlte mit meinem ganzen Sein, was es bedeutet, in mir selbst zu Hause zu sein.
Das bedeutete nicht, dass von diesem Moment an alles einfach war. Ich treffe auch heute Entscheidungen, begegne Herausforderungen und lerne immer weiter.
Aber etwas Grundlegendes hatte sich verändert.
Ich hatte so lange nach Freiheit gesucht. In anderen Ländern, anderen Lebensweisen, neuen Möglichkeiten.
Und nun erkannte ich, dass ich sie niemals außerhalb von mir finden konnte.
Und heute? Liebe ich dieses Leben mehr denn je.



Ich liebe das Leben. Mit allem, was dazugehört.
Ich liebe gutes Essen. Diese Abende, an denen man zusammensitzt, genießt, redet und irgendwann feststellt, wie viele Stunden vergangen sind.
Ich liebe gute Gespräche. Echte Begegnungen. Menschen, die sich zeigen, wie sie sind. Gespräche, die über das hinausgehen, was man eben so erzählt.
Ich liebe das Meer. Das Surfen. Dieses Gefühl, ganz im Moment zu sein, das Wasser zu spüren und einfach lebendig zu sein.
Und ich liebe die Zeit mit meinen drei Jungs. Gemeinsam unterwegs zu sein, Neues zu entdecken, zu lachen und unseren ganz eigenen Alltag zu leben.
Ich bin Mutter, Frau, Unternehmerin. Ich liebe Mathematik genauso wie die großen Fragen unseres Daseins. Ich hinterfrage, probiere aus, verändere meine Meinung, treffe Entscheidungen und gehe weiter.
Ich habe nicht aufgehört, die Welt verändern zu wollen.
Aber ich weiß heute, dass ich dafür nicht erst jemand anderes werden muss.
Ich bin hier, um mein Leben zu leben. Mit Freude, mit Tiefe, mit allem, was ich bin.
